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Wie Aquaponik die Welt ernähren und das Klima retten soll

Wels im Wasser

Was macht ein afrikanischer Raubwels im Wiener Glashaus? Richtig: den Dünger. Und die Aquaponik-Pioniere von blün wollen mit seiner Hilfe die Landwirtschaft revolutionieren und die Klimakrise lösen. Kann das klappen?

Wenn das Wasser knapp wird, wird es ernst. Dann muss etwas getan werden, und zwar rasch. Vor allem, wenn man ein Fisch ist. Denn wenn das Wasser wärmer, salziger wird und immer weniger Sauerstoff hält, dann wird das Fischleben schwierig. Wenn der Lebensraum ganz wegtrocknet, dann ist es aus. Nicht für den afrikanischen Raubwels! Der atmet einfach weiter, an Land. Der Fisch kann dank seines Atemsacks einige Zeit ganz ohne Wasser überleben. Er vergräbt sich im Schlamm oder schlängelt sich zur nächsten Pfütze.  

Ganz klar: Der Wels findet Wege. Er passt sich an, hält durch, macht weiter. Damit scheint es gerade so, als hätten sich die Gründer von blün den Fisch auch als Vorbild ausgesucht. Wunder-Wels für Aquaponik-Pioniere, das flutscht. Weil, dass man als Betreiber der ersten kommerziellen Aquaponik-Anlage Österreichs auch so manche Trockenperiode überstehen muss, das wissen blün-Mitgründer Gregor Hoffmann (Bild links) und Betriebsleiter Lukas Norman aus Erfahrung.

Wie können Lebensmittel in einem Kreislaufsystem mit wenig Raum und Ressourcen produziert werden? Kann Aquaponik ein Modell für die Zukunft der Ernährung sein? Und mit welchen Herausforderungen haben die Aquaponik-Pioniere von blün zu kämpfen?


Fischdreck düngt Tomaten, Melanzani und Paprika

Am Rande des Marchfelds, wo das Land flach, die nächste U-Bahn-Station fern und die Autos meist Lieferwägen sind, dort stehen auch die Gewächshäuser der Firma blün. Auf den ersten Blick gleicht die Anlage den Glashäusern in der Nachbarschaft. Auch bei blün reifen Tomaten unter dem Glasdach. Doch nebenan, in der dunklen Halle, da zappeln Fische mit langen Barteln in ihren Tanks.

Die Fische schwimmen nicht ohne Grund neben dem Gemüse. Fischbecken und Pflanzen sind durch Wasserleitungen miteinander verbunden. So kann das Wasser, in dem die Welse schwimmen, die Tomaten düngen. Des einen Dreck ist des anderen Nährstoff. 

Aquaponik nennt sich diese Mischform aus Aquakultur und Landwirtschaft, wo Fisch und Gemüse in verknüpften Kreislaufsystemen gezüchtet werden. Diese Art der Lebensmittelproduktion spare Wasser, Energie und Ressourcen, erklärt Gründer Gregor Hoffmann. Und sei damit gut fürs Klima.

Wenn weltweit Temperaturen steigen, Ressourcen schwinden und Bevölkerungen wachsen, braucht es Lösungen. Gemeinsam mit seinen Kolleg:innen verfolgt Hoffmann deshalb ein Ziel: die traditionelle Technik der Kreislaufwirtschaft zu nutzen, um ressourcen- und klimaschonend für die Großstadt Wien Fische zu züchten und Gemüse zu ziehen.

Aquaponik spart Wasser, Energie und Ressourcen. Und die Fische?

Die Welse sind robust, fressen alles und wachsen schnell. Dazu liefern sie grätenfreies Filetfleisch, das gut zu verkochen ist, erklärt blün-Limnologe Lukas Norman. Sechs Monate wächst der Raubwels vom daumennagelgroßen Setzling – geliefert von einer Fischfarm im Burgenland – zum dreiviertel Meter Jungwels. Norman und seine Kolleg:innen übersiedeln die Fische in dieser Zeit von den Kinder- in die Jugend- und schließlich in die Mastbecken.

In jedem der blauen Becken schwimmen 400 Fische. Ganz schön dicht, oder? „Das ist WWF-Standard”, betont Norman. Es sei sogar so, dass sich der afrikanische Raubwels beruhige, wenn es enger ist. Nur Licht, das hat der Fisch nicht so gern. Deshalb ist es meist dunkel in der feuchten Halle. 

In seinem Fischratgeber weist der WWF beim Raubwels auf Besatzdichte hin, gibt aber grünes Licht für die Zucht in Kreislaufanlagen. Diese sei durch ein „angemessenes Gesundheitsmanagement und gute Wasseraufbereitung umweltfreundlich und technologisch fortgeschritten.” Für Werner Kloas, Biologe und Professor am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, ist die Haltung ebenfalls artgerecht. Tanja Breining von PETA sieht das anders und kritisiert auch diese Form der Fischzucht: „Aquaponik bedeutet, zu viele Fische in ein deutlich zu kleines Becken zu sperren. Aufgrund der wochenlangen Mast haben die einzelnen Tiere zunehmend weniger Platz. Aquakultur in jeglicher Form beraubt die sensiblen Wassertiere eines artgerechten Lebens.”

So idyllisch wie die Karpfenteiche im Waldviertel sei es nicht, sagt Norman. Bei blün gehe es vielmehr um die ressourcenschonende Produktionsweise. Das Motto: „Auf kleinem Raum mit wenig Ressourcen arbeiten.”

Neben geringerem Ressourcenverbrauch benötigen moderne Aquaponik-Anlagen wenig Fläche und können fast überall errichtet werden. Das stärkt die lokale Wirtschaft, verkürzt Transportwege und reduziert so zusätzlich den CO2-Ausstoß. Nicht zuletzt soll Aquaponik helfen, die Meere vor Überfischung und Verschmutzung durch Aquakulturen zu schützen.

Apropos Wasser: In der Anlage von blün fließen insgesamt 30.000 Liter. Davon müssen täglich 10 Prozent gewechselt werden, die über ein geschlossenes Bewässerungssystem zu den Pflanzen ins Glashaus gepumpt werden. „Bei uns wird kein Tropfen Wasser verschwendet”, sagt Norman. Die Fischzucht im Aquaponik-System sei besonders wassersparend. Pro Kilogramm Welsfilet würden nur 112 Liter Wasser verbraucht, rechnet der Betriebsleiter vor und vergleicht: für ein Kilo Avocados würden 1.000 Liter verbraucht, bei Rindfleisch seien es gar 15.000 Liter pro Kilo.

Pro Kilogramm Welsfilet würden nur 112 Liter Wasser verbraucht, rechnet der Betriebsleiter vor und vergleicht: bei Rindfleisch seien es 15.000 Liter pro Kilo.

Da die Gemüsepflanzen durch das Fischwasser keinen zusätzlichen Stickstoffdünger brauchen, der sehr energieaufwändig hergestellt werden muss, spart Aquaponik weitere Energie.

Die Anlage brauche zudem weniger Platz und verringere auch den CO²-Ausstoß deutlich: Den CO²-Ausstoß eines Ein-Kilo-Fisches beziffert blün mit drei kg CO². Für ein Kilo Steak vom Rind braucht es beispielsweise 65 Quadratmeter Land und dabei entstehen 20 kg Treibhausgase. 

Pionier-Arbeit braucht Kapital – und Kompromisse

Morgens geht es hektisch zu in den blün-Hallen. Da werden grüne Steigen mit Tomaten, Paprikas, Gurken und Melanzani gefüllt und Kühlboxen mit Fischfilets gepackt. Dreimal pro Woche werde geschlachtet, erklärt Norman. Die Kisten gehen an namhafte Restaurants in Wien, werden über den Online-Shop von Privatkund:innen bestellt oder im eigenen Hofladen verkauft. Das Geschäft läuft – seit der Corona-Lockdowns wird noch mehr geordert.

Und trotzdem: Noch immer betreiben die vier Günder blün im Nebenerwerb. Betriebsleiter Norman hat anfangs alleine in der Produktion und rund um die Uhr gearbeitet, erst vor wenigen Monaten konnten weitere Mitarbeiter:innen eingestellt werden.

Wer mit Aquaponik loslegen will, braucht Geld, um die hohen Investitionskosten zu decken. Und das notwendige Fachwissen über Fische, Pflanzen und Mikroorganismen, die das Brauchwasser reinigen. Dazu kommen technische Kenntnisse, Kosten für Wasser, Strom und Personal sowie die tägliche Kontrolle der Anlage.

Ob Aquaponik-Systeme im großen Maßstab profitabel sind, ist abhängig vom Design der Anlage, der Lage, dem lokalen Lebensmittelmarkt und den Kosten für Strom, Belüftung oder Wasserpumpen. Nutzung von erneuerbaren Energien und energieeffiziente Gewächshäuser seien deshalb wichtig für Wirtschaftlichkeit. Für die Ernährungssicherheit für uns alle brauche es große Anlagen, sagt Forscher Werner Kloas in einem DW-Interview. In Entwicklungsländern, wo Ressourcen besonders knapp sind und der Klimawandel noch spürbarer, können auch kleinere Systeme sinnvoll sein, so Expert:innen. 

„Unser Futter besteht zu zehn Prozent aus Fischmehl aus Fischabfällen. Das ist vertretbar, aber wir suchen nach anderen Lösungen.”

Lukas Norman

Immer wieder müssen auch bei blün Kompromisse gefunden und neues ausprobiert werden. Das beginnt bei den Fischen und beim Futter: Vor dem Wels schwammen Barsche in den blün-Becken, doch die wollte niemand kaufen. Und gerade hat Norman einen Fütterungsversuch mit Insekten abgeschlossen, um den Fischmehlanteil im Futter noch mehr zu verringern. „Unser Futter besteht zu zehn Prozent aus Fischmehl aus Fischabfällen. Das ist vertretbar, aber wir suchen nach anderen Lösungen”, sagt Norman. Klar muss dabei das Fischfleisch auch bezahlbar bleiben. Und strenggenommen sei der Kreislauf auch nicht ganz geschossen, solange das Futter für die Fische von außen zugeführt wird, sagen Kritiker:innen. Kompromisse, überall.

Aquaponik ist nicht bio – und blün ist das egal

Bei blün wachsen Tomaten, Gurken, Paprika und Melanzani auf Kokos-Substrat. Auch das sei noch nicht optimal, schildert Hoffmann. Man arbeite mit einem großen österreichischen Holzfaserproduzenten bereits an einer Alternative.  Auch deshalb gibt es grundlegende Kritik: Demeter-Verbände betonen, dass der Anbau in Substrat die dynamische Wechselwirkung zwischen Pflanze und Boden verhindere. Die jahreszeitlich rhythmische Zurverfügungstellung der Nährstoffe durch Mikroorganismen, die aktive Nährstoffmobilisierung und viele weitere Wechselwirkungen zwischen Pflanze und Boden würden nicht stattfinden können, schreibt etwa Jörg Hütter vom Demeter-Verband.

Auch schwierig: Weil Lebensmittel, die nicht auf Ackerboden oder in Naturbecken gezogen werden, nicht als „bio“ zertifiziert werden dürfen, bekommen blün-Produkte kein Siegel. Obwohl gesellschaftlich wichtig, sei das Thema Bio für blün gar nicht mehr zentral, sagt Hoffmann. „Ich brauch keinen Verordnungstext, um meinen Kunden zu beweisen, dass ich nachhaltig, ökologisch, zukunftsfähig bin und dabei eine Riesenqualität erzeuge. Ich brauch diese drei Buchstaben nicht, weil ich hab blün. Und das ist mehr als bio. Enkelfähig, darum geht’s.”


Zur Recherche

Karin Huber-Heim vom Circular Economy Forum Austria und Stefan Blachfellner vom Bertalanffy Center for the Study of Systems Science (BCSSS) haben uns auf blün aufmerksam gemacht. Sie unterstützen Unternehmen dabei, Kreisläufe in ihrem täglichen Wirtschaften zu nutzen.

„Mein Leben ist ein bissl für die Fisch’”, hat uns Lukas Norman dann bei einem Besuch im August 2021 ein wenig verlegen erzählt. Und es stimmt: der Mann liebt Fische. Er schreibt gerade an einer Masterarbeit zum Thema Fischfutter und hat selbst Teiche mit Saiblingen und Forellen. Dort steht er oft und: schaut. Wenn er sich bei blün nicht gerade um die Welse kümmert, einpackt, kommissioniert, telefoniert oder einteilt, dann führt Lukas regelmäßig Gruppen von interessierten Kund:innen durch die Hallen. Die Gäste kommen auch aus dem Ausland, um sich die Aquaponik-Anlage anzusehen – und sich etwas abzuschauen.

Leidenschaft treibt auch den gelernten Gärtner und Agrarkonsulent Gregor Hoffmann: jene zu hochwertigen Lebensmitteln, zum Kochen und Essen, nämlich. Dazu brauchts immer mehr Leute und auch blün sei ein Gemeinschaftsprojekt von Freunden, sagt Hoffmann. Ohne Zusammenarbeit gehe nichts. Wer die blün-Herren kennenlernt und sich die Produkte im Hofladen zeigen lässt, weiß warum.

Übrigens, wer sich schon die ganze Zeit fragt: Was heißt blün eigentlich? Blau und Grün fließen da ineinander, wie das Fischwasser rüber zu den Tomaten. Eh klar.


Mehr über Aquaponik

Wie funktioniert ein typisches Aquaponik-System?

Die Anlage besteht aus einem geschlossenen Kreislauf, in dem eine Aquakultur und eine Hydroponik-Einheit miteinander verknüpft sind. In Fischtanks werden wärmeliebende, schnellwachsende Fische gehalten. Die Reinigung des Wassers aus den Fischtanks erfolgt zuerst durch einen Lamellenfilter und dann durch einen Biofilter, der mit Mikroorganismen besiedelt ist. Die Mikroben wandeln das Ammonium aus den Ausscheidungen der Fische in Nitrat um – der perfekte Pflanzendünger. Ohne diesen Reinigungsschritt würde das Aquaponik-System nicht funktionieren. Eine Pumpe lässt das nährstoffhaltige Brauchwasser von den Fischen dann in die Hydroponik-Einheit strömen, wo die Pflanzen wachsen. Neben Tomaten gedeihen Gurken, Paprika und Melanzani besonders gut in der Hydrokultur. Denn diese stark zehrenden Pflanzen brauchen wesentlich mehr Nährstoffe als zum Beispiel Salat oder Kräuter. (bioökonomie.de

Vor welchen Herausforderungen stehen wir bei der Ernährung der Menschheit?

Aktuell leben knapp acht Milliarden Menschen auf unserem Planeten. Bis 2050 werden es knapp 10 Milliarden sein, die immer mehr Fleisch essen wollen. Dabei werden bereits 40 Prozent des Planeten landwirtschaftlich genutzt und Landwirtschaft zeichnet für 70 Prozent des globalen Wasserverbrauchs und 24 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Zwar kann durch neue Pflanzen, effektivere Dünger und Anbaumethoden auf weniger Fläche mehr Obst, Gemüse und Getreide produziert werden, zugleich sind diese neuen Praktiken aber oft umweltschädlich und energieintensiv.
Auch im Wasser trübe Aussichten: Ein Drittel aller Fischbestände weltweit sind überfischt, fast 60 Prozent werden bis an ihre biologischen Grenzen befischt. Die Aquakultur gilt als der am schnellsten wachsenden Zweig der Lebensmittelproduktion weltweit. Problematisch: Fisch-Fäkalien zerstören ökologisch empfindliche Küstengewässer.


Dieser redaktionelle Beitrag wurde durch eine Themenpatenschaft des Bundesministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie & des Verbandes für gemeinnütziges Stiften ermöglicht.

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