Der Klimawandel setzt den Wäldern durch Hitze, Borkenkäfer und Stürme immer mehr zu. Gernot Schrittwieser schuftet für einen gesunden Wald und um seine Existenz als Forstwirt. Dafür spannt er jetzt auch seine zwei Noriker-Pferde ein.

Wenn die Bäume liegen bleiben, wird Schrittwieser unruhig. Wenn niemand kommt, um sein Holz zu holen, dann weiß er, der Borkenkäfer frisst sich wieder durch die Wälder, nagt und brütet unter der Borke geschwächter Fichten. Dann weiß er, dass er seine Fichten nicht verkaufen wird können. Er hofft. Auf die nächsten Monate, auf das nächste Jahr. Auf weniger heiße Sommer, auf weniger Stürme und auf weniger Borkenkäfer. Und: Er geht neue Wege.

Nimm dir 13 Minuten Zeit, in die Welt von Gernot Schrittwieser und seiner Pferde einzutauchen. Am besten in Vollbild und unbedingt mit Ton.

Gernot Schrittwieser ist Waldbauer. Dort, wo das flache Niederösterreich hügelig und dann bergig wird, sägt, schlägt und pflanzt der 34-Jährige aus Freiland im Bezirk Lilienfeld auf seinen 116 Hektar Land. Seit acht Jahren stapft Schrittwieser auf steilen Hängen durch seinen Wald. Er lebt vom Verkauf seines Holzes und war bis vor zwei Jahren ganz zufrieden mit dem Erlös der schweren Arbeit. Doch auf einmal konnte er sein Holz nicht mehr verkaufen.

Forstwirte und Forstwirtinnen können derzeit kaum von ihrer Arbeit leben.

Wie seine Kolleginnen und Kollegen sorgt sich auch Schrittwieser, weil der Holzpreis dramatisch eingebrochen ist. Der Grund für den Preisverfall: Es ist viel zu viel Schadholz auf dem Markt. Seit Sommer 2018 ging es mit dem Holzpreis deshalb genauso steil bergab, wie auf den Hängen hinter Schrittwiesers Haus. Viele private Waldbesitzer und Waldbesitzerinnen kämpfen seither um ihr Auskommen. Schuld sind die Schädlinge, die Käfer. Die Klimaveränderungen, die Temperaturen, die Stürme. Und die Holzimporte, die Sägewerke.

Forstwirtinnen und Forstwirte in Österreich kämpfen mit den Auswirkungen des Klimawandels. Höhere Jahresmitteltemperaturen oder verändernde Jahresniederschlagsmengen schwächen die Bäume. Besonders die Fichte leidet darunter. Wenn es zu trocken ist, versagen ihre Schutzmechanismen und der Baum kann Schädlinge nicht länger abwehren. Das warme Klima wirkt sich zudem positiv auf die Entwicklung von Schädlingen wie z.B. Borkenkäfer aus, die dadurch verbesserte Brutbedingungen vorfinden. Zu den Schädlingen kommen immer häufigere Wetterextreme wie Stürme. In Regionen mit viel Sturmholz fällt in den Folgejahren auch viel Käferholz an. Genau diese Folgen spüren Schrittwieser und andere Forstwirte und Forstwirtinnen schon heute.

Der Borkenkäfer liebt heiße Sommer, schwache Bäume und starke Stürme.

Die prognostizierten klimatischen Veränderungen verlängern den Zeitraum, in dem sich die Borkenkäfer entwickeln können. Bei einer Durchschnittstemperatur von 19°C dauert es etwas mehr als sieben Wochen bis aus dem Buchdrucker-Ei ein Käfer schlüpft. Bei durchschnittlich 24°C dauert es nur mehr fünf Wochen. Erhöht sich die Temperatur um 4°C, benötigt der Fichtenborkenkäfer nur mehr die halbe Zeit je Generation. Auch Schrittwieser erzählt von bis zu vier Generationen, die an seinen Bäumen nagen. Wenn im Frühjahr nur ein Käferbaum übersehen wird, so sagen Fachleute, können daraus bis zum Herbst 1.000 Käferbäume entstehen.

Mit Mischwald, Pferdekraft und Selbstvermarktung gegen den Klimawandel im Wald.

Schrittwieser wappnet sich für die neuen Herausforderungen. Rechtzeitiges Gegensteuern im Klimaschutz, vorbeugender Forstschutz und an die veränderten Bedingungen angepasste Waldbaumaßnahmen sind von zentraler Bedeutung für die Gesunderhaltung der Wälder, sagen Expert*innen. Auch Schrittwieser weiß, die beste Vermeidungsstrategie gegen Borkenkäfer ist die Vorbeugung. Nur eine saubere Waldwirtschaft stellt sicher, dass den Schädlingen kein Brutmaterial zur Verfügung steht. Neben dem Aufbau gesunder, artenreicher Mischbestände ist die Waldhygiene von größter Bedeutung. Was das heißt? Weg von reinen Fichtenwäldern hin zu Mischwäldern. Und bruttaugliches Material, also Bruchholz und kranke Bäume, muss rasch raus aus dem Wald.

Mit gezielten Maßnahmen will Schrittwieser die Widerstandskraft seines Waldes verbessern: Er pflanzt unterschiedliche Baumarten, setzt dabei auf heimische Arten. Dazu achtet er auf boden- und bestandschonende Bewirtschaftung seines Waldes. Seit kurzem hat er sich genau dafür die Unterstützung von tierischen Arbeitskollegen geholt. Und um weniger abhängig von Sägewerken zu sein, hat er begonnen, sein Holz selbst zu vermarkten


Zur Recherche

Wir haben Gernot Schrittwieser und seine Freundin Johanna zweimal in Freiland besucht. Und ja, wir durften sogar selbst Hand anlegen und sein Pferd einen Baumstamm über eine Forststraße ziehen lassen. Schrittwieser ist leidenschaftlicher Jäger, rennt steile Hänge mühelos rauf und runter, erspäht jedes Reh und riecht jeden brünftigen Hirsch. Die zwei Noriker-Pferde heißen übrigens Erich und Kaiser. Die Namen, das will Schrittwieser klargestellt wissen, hatten sie schon beim Kauf.


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