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Der Reparatur-Meister in der Wegwerfgesellschaft

Es wird kaum mehr repariert, Kaputtes einfach weggeworfen. Doch wo Ressourcen schwinden und Müllberge wachsen, wird da Karl Boubals vergessenes Handwerk jetzt wieder wichtig?

Nach all den Jahren hat er sich fast durchgearbeitet durch die dicke Holzplatte seiner Werkbank. Dort wo sich Karl Boubal über marode Motoren beugt, ist das Holz längst rissig geworden. Und wenn der 72-jährige Elektromechaniker auf seiner Bank an einer kaputten Kaffeemaschine werkt, dann tropft es bereits durch, durchs Holz, direkt hinein in die Lade mit den Schraubenziehern und Zangen.

Mehr als ein halbes Jahrhundert sitzt Boubal schon dort an seiner Werkbank zwischen Bergen von Elektromotoren. Unten in seiner Kellerwerkstatt in der Wiener Neubaugasse, wo Staubsaugerschläuche baumeln, Kupferspulen glänzen und wo Boubal schraubt, schleift und fräst. An Maschinen, an denen er schon als Lehrling gewerkt hat. Eigenanfertigungen, manche, gebaut zu einem Zweck: damit Boubal Staubsauger, Küchenmaschinen oder Lampen vor dem Müll retten und wieder in Gang setzen kann.

Aber gibt es in unserer Wegwerfgesellschaft überhaupt noch Platz für den Reparatur-Meister und sein Handwerk?


Wenn Ersatzteile fehlen, wird improvisiert

Reparieren kann Boubal alles. Also fast alles. Nur die neuen Geräte, sagt er, die sind oft zu verbaut, verklebt oder: aus Plastik. Dann sei er machtlos, leider. Was ihm auffällt: Dass Kundinnen und Kunden oft drei bis vier Monate nach Ablauf der Garantie mit ihren kaputten Geräten seine Hilfe brauchen. Die Geräte würden schon so gebaut werden, dass sie kaputt werden, kurz nachdem der Garantieanspruch erlischt, glaubt der Reparatur-Meister.

„Dass ich uralte Geräte wieder hinkrieg, das ist mein Ehrgeiz.“

Karl Boubal

Außerdem findet Boubal für die alten Geräte kaum noch Ersatzteile in seinem Magazin. Nachbestellen lassen sich viele Teile auch nicht mehr. Noch kann der Mechaniker seine Leute bei einer handvoll Firmen anrufen, aber viele Hersteller bieten gar keine Ersatzteile oder nur komplette Motoren. Dann heißt es für Boubal: improvisieren. Dann stellt er sich an die tonnenschwere Drehmaschine und macht sich passende Teile einfach selbst.

Vom Reparieren kann Boubal kaum noch leben

Ja leider, das Geschäft gehe schlecht, und wird immer schlechter. Alte Kundinnen und Kunden sterben weg, sagt der Elektromechaniker. Die Leute würden lieber neue Geräte kaufen, das sei oft günstiger. Vom Reparieren allein kann der Reparatur-Meister heute nicht mehr leben. Es geht sich aus, sagt Boubal. Wie seine Frau bekommt er bereits eine kleine Pension. Mit dem Reparieren verdient er sich etwas dazu. So kann er die Werkstatt erhalten. 


Auch wenn gerade nichts zu reparieren ist, steht Boubal in seiner Werkstatt. Wie immer alleine. Angestellte hat er keine. Das ist schon so, seit der den Betrieb von seinem Lehrmeister übernommen hat. Für Kollegen wäre auch gar kein Platz in der Werkstatt, in der er Teile ständig von einer Ecke in die andere räumt. Und sich ärgert, wenn er doch einmal etwas wegwirft. Weil – eh klar – dann kommt mit Sicherheit eine Kundschaft mit einem Gerät, für das er genau das aussortierte Teil brauchen würde. 

Seit einiger Zeit hadert Boubal: Wie soll er die übervolle Werkstatt räumen, wenn er aufhört? Er zweifelt, dass sich jemand finden wird, der hier weitermachen will. Auch deshalb hat er die Schraubenzieher noch nicht endgültig beiseite gelegt.

Bald wieder mehr Reparaturen?

Und gleichzeitig hofft Boubal. Darauf, dass das Geschäft wieder besser wird, dass er wieder mehr Aufträge bekommt. Und darauf, dass die Menschen umdenken. Denn seit einiger Zeit kommen vermehrt junge Kundinnen und Kunden zu ihm in die Werkstatt. Immer mehr Junge wollen ihre kaputten Geräte reparieren lassen, sagt der Elektromechaniker. Auch weil globale Warenketten durch die Pandemie unterbrochen und Geräte oft wochenlang nicht verfügbar waren, wurde wieder mehr repariert und Boubals Telefon läutete wieder öfter.

„Langsam denken die Jungen um. Immer mehr bringen Geräte, um sie reparieren zu lassen.“

Karl Boubal

Ein paar Jahre will er es noch machen, sagt Boubal. Solange er noch gut gehen kann. Wenn die Europäische Union jetzt neue Regelungen beschließt und in Österreich ab 2022 eine neue Reparaturförderung kommt, dann wird er vielleicht doch noch ein paar Jahre länger schrauben an seiner abgewetzten Werkbank. So lange wie sein Lehrmeister wolle er aber dann doch nicht arbeiten, sagt Boubal. Denn der war gar schon 85 Jahre alt, als er endlich aufgehört hat mit dem Reparieren.



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Ein Kollege hat uns beiläufig erzählt, dass er kürzlich in einer bis unter die Decke vollgeräumten Kellerwerkstatt war, wo ein alter Elektromechaniker werkt, der mit Leidenschaft so gut wie alles repariert. Da war klar: Wir müssen den Mann besuchen. „Ja, kommts vorbei“, hat er gesagt, der Herr Boubal. „Aber besser an einem Freitagnachmittag, da hab ich schon zu.“ Weil die Kundinnen und Kunden, die haben natürlich Vorrang. Im August 2021 waren wir dann zu Gast in Boubals Reich. Übrigens: Am liebsten repariert der Meister alte Küchenmaschinen – quasi Fachgebiet. Und der älteste Gegenstand in seiner Werkstatt, das ist ein alter Stempel von seinem Großvater. Der war ebenfalls Handwerker und führte eine Drechslerei in Wien Meidling.



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Warum schützt Reparieren die Umwelt und das Klima?

Wer langlebige Produkte kauft und kaputte Geräte reparieren lässt, verkleinert seinen ökologischen Fußabdruck und schont das Klima. Es gelte also, langlebige Produkte zu kaufen und diese bei einem Schadensfall reparieren zu lassen, das empfiehlt die Umweltberatung. Denn mehr als die Hälfte der Umweltbelastung entsteht bei Elektrogeräten während der Produktion, das heißt, das Nutzungsverhalten ist dann gar nicht so entscheidend, sagt Sepp Eisenriegler, Gründer des Reparatur- und Service-Zentrums R.U.S.Z. in Wien. Eine Analyse des European Environmental Bureau (EEB) zeigt: Die Verlängerung der Lebensdauer aller Waschmaschinen, Notebooks, Staubsauger und Smartphones in der EU um nur ein Jahr würde jährlich rund 4 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) einsparen.
Weltweit werden fast 9-mal so viel Ressourcen verbraucht wie noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In Österreich allein fallen pro Jahr über 83.000 Tonnen Elektroschrott an. Insgesamt gibt es hierzulande rund 27 Millionen Haushalts- und Elektrogeräte. Im Schnitt besitzt jeder Haushalt sieben Geräte, wie Kühlschrank, Waschmaschine und Geschirrspüler, PC und Fernseher. Handys und Tablets nicht eingerechnet.
Diese Geräte enthalten wertvolle Rohstoffe wie Eisen, Aluminium und Kupfer, sowie Edelmetalle wie Gold und Silber. Neben den wiederverwendbaren Bestandteilen enthalten sie aber auch Schwermetalle, Flammschutzmittel und Kunststoffe, die sich nicht entsprechend recyceln lassen. Um diese wertvollen Ressourcen zu erhalten sei es notwendig, Geräte so lange wie möglich zu benutzen und seltener neue zu kaufen, so die Umweltschutzorganisation Global 2000.

Werden Geräte heute wirklich schneller kaputt? Gibt es geplante Obsoleszenz?

Viele Nutzer*innen haben das Gefühl, dass Geräte nicht mehr so lange halten wie früher. Der Vorwurf: Die Industrie soll ganz bewusst Sollbruchstellen einbauen, um die Lebensdauer ihrer Produkte auf absehbare Zeit zu begrenzen. Die Leidtragenden: die Verbraucher*innen und die Umwelt. Deshalb fordern Verbraucherschützer*innen und Umweltschutz-NGOs wie Greenpeace seit Jahren von Herstellern, langlebigere Produkte zu erzeugen. Sie beklagen die sogenannte geplante Obsoleszenz, dass also Geräte so gebaut werden, dass sie ihre Garantiezeit nur knapp überstehen.
Aber gibt es nun so etwas wie geplanten Verschleiß überhaupt? Hier gibt es auch in der Wissenschaft unterschiedliche Positionen. Eine gezielt kurze Produktlebensdauer durch eingebaute Mängel, kann etwa in einer Studie des deutschen Umweltbundesamtes nicht nachgewiesen werden. Unbestritten ist, dass der Anteil an Einweg- also Wegwerfprodukten zunimmt, viele Konsumgüter zunehmend kurzlebiger werden und kaum noch reparierbar sind. Erwiesen auch, dass KonsumentInnen viele Güter oft vor Ablauf ihrer technischen Lebensdauer wegwerfen, schreibt die Arbeiterkammer in einem Papier. Das Design eines Produktes sei kein Zufall und die Nicht-Reparierbarkeit ergebe sich oft durch eingeschweißte oder unzugängliche Verschleißteile.

Wie fördert die Politik das Reparieren?

In Österreich gibt es ab 1. Jänner 2022 einen neuen Reparaturbonus. Wer sein Elektrogerät reparieren lässt, bekommt dann die Hälfte der Reparaturkosten bis zu einem Maximalbetrag von 200 Euro gefördert. Insgesamt sollen damit 400.000 Reparaturen unterstützt werden. 
Auch auf europäischer Ebene tut sich etwas: Neue Verordnungen sind im März 2021 in Kraft getreten. Diese beinhalten zentrale Rechte, dass Ersatzteile ausgetauscht werden können und dass Reparatur- und Wartungsinformationen für sieben bis zehn Jahre lang zur Verfügung stehen. Die Europäische Normen wie die EN 45554 werden dafür sorgen, dass kurzlebige Geräte ab 2025 in der EU nicht mehr angeboten werden dürfen, so Reparatur-Experte Eisenriegler. Dann gibt es jetzt also ein Recht auf Reparatur? Nicht ganz. Denn die neuen Richtlinien werden zum Beispiel nicht auf Smartphones und Laptops angewendet.

Was kann jede/-r Einzelne tun?

  • Geräte so lange wie möglich nutzen und reparieren oder reparieren lassen: In Reparaturcafés kann man unter Anleitung selber reparieren. Das Re-Use- und Reparaturnetzwerk Österreich bietet eine Liste, wo das möglich ist. Reparaturanleitungen fürs zu Hause reparieren gibt es z.B. auf de.ifixit.com.
    Wer einen Fachmann oder eine Fachfrau braucht, schaut in den Reparaturführer oder nutzt das Wiener Reparaturnetzwerk. Man kann natürlich auch gleich bei Meister Boubal anrufen oder vorbeischauen.
  • Gebrauchte statt neue Geräte kaufen: Bei der österreichischen Second-Hand-Plattform refurbed gibt es etwa generalüberholte Handys, Tablets oder Laptops.
  • Politiker*innen daran erinnern, längere Nutzung der Geräte zu fördern: etwa die Gewährleistungsfrist zu verlängern, die Verfügbarkeit von Ersatzteilen zu garantieren, Reparaturen steuerlich zu begünstigen.