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An der Grenze der Solidarität

Ein Baby inmitten einer Familie von Geflüchteten

Ihre Freunde halten sie für verrückt. Und was sie macht, ist verboten. Trotzdem hilft Amina Jusić Geflüchteten, die an der bosnischen Grenze zur EU festsitzen.

Text: Stefan Schauhuber, Fotos: Ben Owen-Browne

Das Handy blinkt und blinkt. Nachricht um Nachricht leuchtet am Display. Die Namen Muhammad, Khan oder Abdellah erscheinen dort. Doch Amina Jusić* hat ihr Smartphone für einmal nicht in der Hand. Gerade wühlt sie, den Arm bis über den Ellenbogen versenkt, in einem Umzugskarton voll mit Pullovern. Es müffelt nach Altkleidern in dem Lagerraum mit den verklebten Fenstern. Bis unter die Decke türmen sich hunderte Kartons, die von LKWs aus Österreich hierhergebracht wurden. Die meisten sind beschriftet. Herrenschuhe, Sweater oder Kinderstrumpfhosen. Jusić überblickt die Unordnung. Sie weiß, wo sie die festen Schuhe findet, wo die Schlafsäcke stecken und die Decken liegen. „Die Decken sind in der Kälte wichtig, auch zum Umhängen. Vor allem für die Bangladeschi, die wickeln sich gern darin ein”, sagt die 34-Jährige, die enge Jeans und ihre langen Haare offen trägt und deren Bewegungen auch im Karton-Chaos geordnet wirken. „Ich bin nur froh, dass jetzt wieder genug da ist. Es sieht nach viel aus, wird aber nicht lange halten.”

Jusić schielt auf ihr Handy und zupft einen rostroten Strickpullover aus einer Kiste. „Ob der auch für Männer passt?”, sagt sie und lacht. Sie kramt weiter und zerrt einen dunklen Sweater aus dem Haufen. „Manche hätten am liebsten schwarze Pullover, weil die sind in der Nacht am besten für das ‘Game’.” Jusić stopft den Pullover in einen blauen Müllsack. Sie klebt den Sack zu, schaut auf ihre handgeschriebene Liste. „7 people, clothes, 4 M/3L”, steht dort. Zuletzt schreibt sie einen Namen auf das Klebeband: Muhammad. Das war der letzte Sack für die Lieferung. Jusić wirft sechs prall gefüllte Säcke in den Kofferraum, auf die Rückbank und den Beifahrersitz ihres Autos. Sie will zu den Menschen draußen im Wald und die Säcke verteilen.

Das „Spiel“ an der bosnisch-kroatischen Grenze

Jusićs Auto parkt in einer Seitenstraße der Kleinstadt Velika Kladuša. Die Lehrerin ist eine von 44.000 Einwohnern der Gemeinde, die dort in der Hügellandschaft am nordöstlichsten Zipfel des Kantons Una-Sana, am Ende Bosniens und am Anfang der Europäischen Union, zu Hause sind. Von der Burg im Zentrum der Stadt sieht man die Europaflagge vor dem Grenzübergang Maljevac wehen – und rüber nach Kroatien. Genau dorthin wollen die Tausenden Menschen, die vor Krieg und Armut flohen oder für ein besseres Leben ihre Heimat verlassen haben. Die UN-Flüchtlingsagentur UNHCR hat seit 2018 die Ankunft von fast 68.000 Menschen in Bosnien-Herzegowina verzeichnet. Die meisten bleiben hier stecken, weil die kroatische Grenzpolizei sie systematisch und oft gewalttätig immer wieder über die Grenze zurückdrängt. Wer nicht weiterkommt, sitzt dann in einem der überfüllten Flüchtlingslager fest oder muss ohne Versorgung in Abbruchhäusern oder im Wald schlafen – und bricht von dort zum ‘Game’ auf, um irgendwie doch in die EU zu gelangen.

Jusić fährt durch ein Wohngebiet, vorbei an Rohbauten und Autos mit österreichischen und deutschen Kennzeichen. Dann hält sie bei einem Bach, der nach den Schneefällen überquillt. Müll hängt in den Sträuchern, Hemden und Hosen zum Trocknen über dem Brückengeländer. „In diesem Bach waschen die Männer ihre Wäsche. Da oben sind die Zelte”, sagt Jusić und deutet auf den Hügel hinter der Brücke. Sie schlüpft in ihre Gummistiefel und stapft durch schwarzen Matsch die Böschung hinauf. Dann steht sie zwischen dünnen Bäumen, Plastikplanen und Müllhaufen. Ein Mann streckt seinen Kopf aus einem Zelt. Jusić fragt, wie es geht. “Good, but cold”, sagt der Mann und zieht sich wieder in seinen Verschlag zurück. Jusić hockt sich hin, um unter die Äste und Plastikplanen zu schauen. Darunter liegen drei junge Männer in ihre Schlafsäcke gehüllt. „Kein Game? Bleibt ihr über den Winter hier?” Die Männer nicken, es sei einfach zu kalt und der Versuch, die Grenze zu überqueren jetzt noch gefährlicher.

„Bleibt ihr über den Winter hier?“

Obwohl es ihr Recht ist, in der EU einen Asylantrag zu stellen, bleibt den Geflüchteten in Bosnien meist nur der gefährliche Weg über die grüne Grenze. Jeden Tag, wenn es dunkel wird, beginnt für viele der Marsch durch die Berge hinüber nach Kroatien. Die meisten werden jenseits der Grenze von der Polizei aufgegriffen und wieder nach Bosnien zurückgebracht. Ohne Überprüfung, ob sie asyl- oder aufenthaltsberechtigt wären. Oft werden sie verprügelt und ohne Schuhe wieder über die Grenze zurückgetrieben. Das „Spiel” endet da, wo es begonnen hat: in Jusićs Nachbarschaft.

Schutzlos dem Schnee und der Kälte ausgesetzt

Nebenan knacken Feuer. Ein Mann in Kapuzenpullover hockt vor einem rostigen Ofen. Zwei andere, die Füße in schlammigen Sandalen, strecken ihre klammen Finger über die Flammen. Die Männer aus Bangladesch sind froh, die Helferin zu sehen. Vor dem Winter waren wahrscheinlich 400 Leute hier im Wald, sagt Jusić. Gerade sind es ein paar dutzend. Jene, die schon länger hier hausen, kennen Jusić. Manchmal kennt sie auch deren Geschichten.
„Ich habe einen algerischen Freund, der jetzt in London ist. Wir haben so viel durchgemacht, auf seinem Weg von Kladuša nach London. So viele Stunden telefoniert. Für mich ist er jetzt wie ein Familienmitglied.” Und es gibt Erinnerungen, die schmerzen: Eines Tages bekam Jusić Fotos geschickt, die einen Flüchtling tot zeigen. Er sei gestorben, weil er durch ein Fenster ins Camp klettern wollte, um dort zu duschen. Dabei sei er ausgerutscht und habe sich das Genick gebrochen.

An diesem Nachmittag richten sich Neuankömmlinge in Behausungen im Wald ein. „Wir sind aus Lipa gekommen”, sagt einer. „Das Camp hat gebrannt”, ein anderer. Es ist ein 80 Kilometer langer Marsch aus Lipa nach Velika Kladuša, durch den Schnee und über die Hügel. Das Lager war einen Tag vor Weihnachten von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) geräumt worden, weil die bosnischen Behörden ihre Zusagen nicht eingehalten hatten, es winterfest zu machen. In der Folge waren 1.300 Menschen schutzlos dem Schnee und der Kälte ausgesetzt. Daraufhin brannten Zelte, mutmaßlich von Bewohnern angezündet. Die Polizei verhinderte, dass die Menschen in die Stadt Bihać gelangten. Hilfsorganisationen teilten auf offenem Feld Schlafsäcke und Lebensmittel an die obdachlosen Menschen aus.

„Essen bringen die Helfer am Abend”, sagt einer der Männer im Wald zu Jusić, als sie fragt, ob sie etwas brauchen. Die Helfer, das sind Almas Mitstreiter der Hilfsorganisation SOS Balkanroute. Die Aktivist*innen aus Österreich und Deutschland verteilen Essen, Kleidung und Schuhe an die obdachlosen Menschen. Meist im Schutz der Dunkelheit, im Schein ihrer Stirnlampen. Wenn nicht in der versteckt gehaltenen Küche gekocht wird, verteilen sie Reis, Linsen, Zwiebel und Öl zum Selberkochen. Geflüchtete außerhalb des offiziellen Flüchtlingslagers Miral sind auf diese Lebensmittel angewiesen, auch weil einige Supermärkte sie nicht mehr einkaufen lassen und Restaurants sie nicht bewirten. Es gäbe schon Leute, die genug haben, von den Geflüchteten, weil bei ihnen eingebrochen oder von ihren Feldern gestohlen wurde, berichtet Alma. Die seien aber in der Minderheit. Dennoch: Über Flüchtlinge zu sprechen, sei schwierig in Kladuša. „Du weißt nie, was jemand darüber denkt und ob sie es gut finden, wenn ich helfe“, sagt Jusić. „Meinen Schülern erzähle ich, was ich von den Menschen gelernt habe und nicht, wie ich helfe.“

Mit Kindern keine Chance über die Grenze zu kommen

Auf dem Weg zur vereinbarten Sackübergabe fährt Alma direkt am ebenfalls überfüllten Camp Miral vorbei. Unweit des Lagers parkt sie den Wagen vor einem Einfamilienhaus. „Salam aleikum!”, grüßt ein Mann mit Zahnlücken und abgetretenen Laufschuhen. Jusić sucht den passenden Müllsack und hört die Kinder im Haus. Der Mann sei mit seinen zwei kleinen Töchtern aus dem Irak hierher geflohen, erzählt Jusić. Seit fast zwei Jahren sitze er hier fest, seine Frau sei mit zwei anderen Kindern bereits in Deutschland. „Schon mehr als 40 Mal ist er mit seinen Töchtern zum Game aufgebrochen“, sagt Jusić, „aber mit den Kindern hat er keine Chance.“

„Sogar meine engsten Freunde halten mich für verrückt.“

Die irakische Familie kennt Alma bereits seitdem das alles hier begann. Das war im März 2018. Seither ist Jusić fast jeden Tag nach dem Unterricht unterwegs, seither kommen immer neue Nachrichten. Auch weil die Nummer der freiwilligen Helferin unter den Geflüchteten weitergegeben wird, um an warme Kleidung zu kommen. Nur wenn sie nicht in Kladuša ist, dann habe sie Pause vom Helfen. „Sogar meine engsten Freunde halten mich für verrückt“, sagt Jusić.

Dabei sei es quasi illegal, wenn sie den Menschen Kleidung oder Essen bringt, sagt Jusić. Tatsächlich untersagt der Kanton Una-Sana privaten Helfern, unversorgte Menschen weiter zu unterstützen. Nur die Internationale Organisation für Migration (IOM) und das Rote Kreuz dürfen helfen, solange sie in den offiziellen Camps arbeiten. Das Border Violence Monitoring Network berichtet von Fällen, wo Verteilungen durch Helferinnen und Helfer durch die Polizei verhindert, Freiwillige auf Polizeistationen festgehalten und Ausrüstung beschlagnahmt wurde.

Jusić sei auch schon mit vollbepacktem Auto in eine Verkehrskontrolle geraten, aber die Polizei mache ihr bisher keine Probleme. „Noch nie hat mich jemand angesprochen, obwohl jeder hier weiß, was ich tue.” Bedroht wurde sie selbst noch nie, auch, weil sie nicht auf Facebook darüber postet. Eine Kollegin hingegen wird auf der Straße beschimpft und Leute fotografieren sie, wenn sie für Hilfsverteilungen einkauft.

Gab es an der Grenze anfangs breite Solidarität für die Geflüchteten, bröckelt diese zusehends: Immer wieder fordern Bürgerinnen und Bürger, dass die Lager geschlossen werden. Im Sommer wurden Busse gestoppt, die Geflüchtete in das Camp Miral bringen wollten. Im September wurden vier Männer aus Algerien und Marokko von einer Bürgerwehr mit Messern attackiert und Häuser niedergebrannt, wo Geflüchtete Schutz suchten.

Rechtswidrige Push-Backs an der Grenze

Die Push-Backs verstoßen klar gegen EU-Recht. Der Aufschrei anderer EU-Staaten bleibt dennoch aus – genauso wie die Unterstützung für das Land, dessen Bürgerinnen und Bürger ohnehin unter hoher Arbeitslosigkeit und sozialer Unsicherheit leiden. Die bosnische Zentralregierung appelliert erfolglos an die Regionen, die Stadtverwaltungen fühlen sich im Stich gelassen, Bürgermeister wehren sich gegen Lager. „Unser Land ist mit der Situation überfordert”, sagt etwa Miljenko Aničić, Caritas-Direktor von Banja Luka. Was es jetzt brauche, sei Soforthilfe für Menschen, um über den Winter zu kommen.

„Ich mache das, weil es jemand tun muss“, sagt Jusić. „Oft bin ich müde und wünschte, dass ich mehr Zeit für mich hätte. Aber wenn ich daran denke, dass durch mein Tun jemand weniger hungrig ist oder weniger friert, dann geht es wieder.“ Sie habe viel darüber gelernt, mit den kleinen Dingen zufrieden und glücklich zu sein. „Ich würde das nicht eintauschen wollen.“

Bevor es dunkel wird, will die Helferin weitere Säcke packen. Wie es weitergehen wird, hier an der Grenze Europas, das wisse sie nicht. Pläne mache sie keine, sagt Jusić. Sie hoffe nur, dass weiter Kartons kommen, sie die Nachrichten nicht unbeantwortet lassen muss – und, dass der Winter nicht zu kalt wird.

* Name geändert

Zur Recherche: Stefan Schauhuber war zum Jahresende 2020 in Velika Kladuša an der EU-Außengrenze. Während Migrant*innen und Geflüchtete an der Grenze festsitzen, passiert man als Österreicher auch während einer Pandemie problemlos Grenzen und kann durch halb Europa fahren. Wie ungleich Bewegungsfreiheit verteilt ist, beschäftigt den Autor bis heute. Von Amina Jusić, die so nicht heißt, gibt es aus Sicherheitsgründen auch keine Fotos, die ihr Gesicht zeigen. Auf der Tour mit der Helferin trafen wir im Wald u.a. einen Youtube-Star – „ein paar Millionen Follower“ – aus Bangladesch, der jetzt unter einer Plastikplane auf das Frühjahr wartet. In Velika Kladuša haben wir lange mit einem jungen Café-Besitzer gesprochen, der in seinem Lokal für Geflüchtete kocht, während alle anderen Restaurants und sogar Supermärkte ihre Türen für die Fremden geschlossen halten.

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